Dies ist ein Überblick zum aktuellsten aller Unix Desktops - KDE - er soll dem Einsteiger/Interessenten die wesentlichen Merkmale erläutern und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit!

Einleitung/Motivation:

Unix ist bekanntermassen ein voll skalierbares Betriebssystem, d.h. die einzelnen Komponenten sind nicht fest zu einer 'Einheit' verbunden, sondern können je nach Bedarf zusammengestellt werden. Die Bandbreite reicht dabei vom einfachen Router (es gibt Beispiele, bei denen das Betriebssystem, die Treiber und Netzwerkkomponenten auf 1 Diskette passen - mein Favorit ist hier fli4l - http://www.fli4l.de) bis zum X-Multiprozessor-Vektorrechner. Der Anwender eines Arbeitsplatzsystems sieht zunächst mal immer nur die Benutzeroberfläche und beurteilt das System überwiegend daran. Das ist auch mit ein Grund, warum bisher Unix(e) auf dem Desktop (im Gegensatz zum Serverbereich) keine sehr weite Verbreitung gefunden haben - zu inhomogen/kompliziert/unvollständig erschienen die bisherigen Systeme.
Dabei gibt es ein hervorragendes Fundament f. sog. GUI's (Graphical User Interface) - das lange vor allen anderen grafischen Oberflächen gleich von Beginn an als Client-Server System designte X-Windows!
Dieses ist allerdings noch kein fertiges, direkt verwendbares System, sondern lediglich ein sog. Framework aus Grundfunktionen, auf dem sich eine Benutzeroberfläche aufbauen lässt.
Was der Anwender schlussendlich zu sehen bekommt, wird vom sog. Windowmanager/Desktop-system bestimmt. Und genau hier setzt KDE an: alle bisherigen GUI's (SGI, OSF-Motif, CDE, Gnome...) waren in der Regel entweder Versuche einzelner Firmen, ihre Philosophie zum Standard zu erheben bzw. das Produkt von schwerfälligen Vereinigungen, die sich lediglich auf halbherzige Kompromisse einigen konnten.
Im Gegensatz dazu ist KDE das Projekt einer kleinen, aber engagierten Entwicklertruppe, die nicht durch kommerzielle Interessen gelenkt wird, sondern sich ausschliesslich am erkannten Bedarf orientiert (siehe die Parallelen zur Linux Kernelentwicklung).
Dass man sich auf dem richtigen Weg befindet, zeigt u.a. die Tatsache, dass inzwischen mehr als 50% der Anwender eines grafischen Desktops unter *nix Betriebssystemen KDE verwenden.
Nicht verschwiegen werden sollen an dieser Stelle gewisse Animositäten, die sich dadurch ergeben dass die KDE Core-Entwickler hauptsächlich Europäer sind (David Faure, Waldo Bastian, Matthias Ettrich, Kalle Dalheimer...) - die Amerikaner, die im Softwarebereich traditionell tonangebend sind, sind hier (noch) in der Minderzahl - ich denke sie werden es verschmerzen und vielleicht gerade deswegen vermehrt eingreifen... (Linus Torvalds ist schliesslich auch kein Amerikaner).

Zielsetzungen der KDE Entwicklung:

  1. Schaffung einer einheitlichen Oberfläche mit gemeinsamem 'Look&Feel' f. alle Anwendungen
  2. einfache Anpassung an pers. Bedürfnisse, Verwendung von 'Stilvorlagen - Themes'
  3. Wiederverwendbarkeit von Code bzw. Funktionseinheiten - 'Parts'
  4. Austausch von Nachrichten und Daten zwischen Anwendungen - 'DCOP'
  5. ausschliessliche Verwendung von Standards zur Datenspeicherung - (XML)
  6. Schaffung von Importfiltern zu gängigen Office-Programmen
  7. Skalierbarkeit, d.h. keine 'Dinosaurieranwendungen', sondern kleine, vernetzte Einheiten
  8. 'automatische' Internationalisierung
  9. einfache Erstellung portierbarer Anwendungen - 'Kdevelop'
  10. volle Multimediaunterstützung
  11. Last und not least: Verwendung eines technisch herausragenden, voll objektorientierten Toolkits

Status Quo:

Aktuell gibt es die Version 3.1, aufbauend auf qt-X11-3.1, und zwar für die Plattformen Linux, BSD, Solaris, AIX, SGI, hp-ux. Hier ein kurzer Statusbericht:

  1. Ziel war schon mit KDE 1 schon so gut wie erreicht - Vorwurf vieler Puristen: M$-Nachbau!
  2. s.o.
  3. neues Konzept seit KDE 2.X - wird weitgehend verwendet
  4. ebenfalls neu in KDE2.X
  5. prima Sache, kann nur zur Nachahmung empfohlen werden - ggf. integrierte Packing Funktion wie in Koffice (zip)
  6. in Arbeit, hier ist noch viel zu tun (nicht zuletzt wegen des von M$ erzeugten Versions/Formatchaos !)
  7. Beispiel Koffice: kleine Einheiten mit klar definierter Aufgabenabgrenzung, schnell&effektiv
  8. Funktionalität ist schon in qt 'eingebaut', alle Widgets verwenden 'automatisch' die richtige Sprache - Übersetzung von Anwendungen von Nicht-Programmierern leicht möglich (Kbabel)
  9. Kdevelop automatisiert schon sehr weitgehend die Anwendungsentwicklung durch Integration von autoconf/automake/lex/bison/jade, Entwickler wird dadurch wesentlich entlastet
  10. hier fehlt mir die Erfahrung, daher verweise ich auf die entspr. Links in kde.org....
  11. Die Querelen um die QT-Lizenz sind inzwischen Geschichte, die technologische Qualität der QT-Libs ist unbestritten
Anzumerken ist noch, dass es dank des konsequenten Einsatzes von CVS (Concurrent Version System) beim Entwicklerteam recht einfach ist, die eigene KDE Installation stets 'brandaktuell' zu halten - siehe Tips zu KDE - dies setzt allerdings eine Installation aus compilierten Quellen voraus.

Highlights:

Herausragendes Beispiel f. die gelungene Umsetzung der o.g. Designprinzipien ist zweifellos Konqueror - der Universal-Webbrowser/Filemanager-Viewer/Ftp-Client/Bildbetrachter/ PDF Reader... der im Prinzip ein kleines Programm ist das bei Bedarf Ergänzungsmodule (Kparts) nachlädt und sich leicht durch Plugins erweitern lässt. Eine solch geballte Funktionalität 'unter einem Dach' gab es bisher nicht - und es wird dank des sog. 'ioslave-Frameworks' ständig mehr (camera, k3b...)

Wichtigster Teil von KDE für den 'normalen' Computerbenutzer ist wohl die Office Suite Koffice - sie hat momentan die Versionsnummer 1.2.1 und besteht aus der Textverarbeitung Kword, der Tabellenkalkulation Kspread, dem Präsentationsprogramm Kpresenter, dem Diagrammersteller KChart, dem Formeleditor Kformula, dem Flowchartprogramm Kivio sowie den Grafikprogrammen Kpaint (Bitmaps) und Kontour (Vektor). Dazu kommt noch das Datenbankfrontend Kexi, dieses ist allerdings noch in einem recht frühen Betastadium und soll mit KDE 3.2 ausgeliefert werden. Für die tägliche Arbeit mit Dokumenten und Tabellen sind Kword und Kspread schon sehr gut geeignet - beide sind stabil und haben einen durchaus ausreichenden Funktionsumfang - incl. Importfilter für M$Office Dokumente - diese funktionieren inzwischen recht gut. Die Koffice Truppe hat auch erkannt dass die Qualität der Filter ein entscheidendes Kriterium f. die weitere Verbreitung von Koffice ist und arbeitet mit Hochdruck an weiteren Verbesserungen, hier gibt es fast täglich Patches/Bugfixes ! Hervorzuheben ist hier noch besonders das Speicherformat der Koffice-Suite, das komplett auf XML basiert - damit ist man in jedem Fall für die Zukunft gerüstet (andere denken so etwas gerade mal an...).

Mein persönlicher Favorit ist aber Kmail, ein fixer, logisch aufgebauter und stabiler E-mail Client, der nur wenig Wünsche offen lässt (Groupware-Funktionalität, diese wird mit KDE 3.2 kommen), besonders die direkte Verwendung von Netscape Ordnern sowie die umfangreichen Filterfunktionen fallen hier angenehm auf, ebenso die nahtlose Integration in Konqueror bzw. Korganizer (Terminverwaltung).

Nicht zu vergessen auch der HTML-Editor Quanta (mit dem wurde diese Seite geschrieben...) - Highlights sind hier Features wie PHP Unterstützung incl. Referenz und Autocompletion, Syntaxcheck (weblint), cvs-Integration via Cervisia-Plugin usw...
Was weitere Anwendungen betrifft, gibt es schon eine riesige Vielfalt, ein Blick in kde-apps.org genügt! (besonders empfehlen kann ich hier Qcad, Kfilereplace, Ktelnet2, Qtwvdialer, Cervisia, Kconfigure).

Zu Tun:

momentan sind die grössten Mankos die noch unvollständigen Importfilter sowie die für Ungeübte schwierige Installation/Konfiguration (dies sollte sich in Kürze durch rpm's f. die gängigen Linux-Derivate stark verbessern). Die Qualität der KDE eigenen Anwendungen (Konqueror,Kwrite,Kmail, Quanta...) ist schon sehr gut.

Ausblick:

Immer mehr Entwickler (und auch Firmen) springen auf den KDE Zug auf - u.a. hat Borland eine KDE Version von Delphi (Kylix) entwickelt, Apple's neuer Browser (Safari) f. Mac OS X basiert auf .html - der KDE Rendering Engine...
Parallel laufen natürlich auch weitere Arbeiten am 'Konkurrenz-Projekt' Gnome, dieses hat seinen Ursprung in der Entwicklung des 'quasi-Standardprogramms' zur Bildbearbeitung unter Unix - gimp. Das dort verwendete gtk+ widget set hat aber einige Nachteile gegenüber dem qt-Toolkit, ebenso sind die Innovationszyklen hier wesentlich länger (Dies soll die Gnome Gemeinde nicht herabwürdigen, auch hier wurde viel geleistet!). Es gibt auch Bestrebungen, das Beste aus beiden Systemen zusammenzubringen bzw. zumindest die Kooperation zu erleichtern (siehe RedHat's 'BlueCurve', Geramik, QtCurve ...).
Insgesamt kann man sagen, dass KDE sehr viel frischen Wind in die Entwicklung von Unix Desktops gebracht hat - es ist mittlerweile so weit gediehen, dass auch 'Computerlaien' damit gut arbeiten können - man muss nun kein 'Kernelhacker' mehr sein um unter Linux die alltäglichen Arbeiten am Computer erledigen zu können, ein Blick über den Tellerrand lohnt sich!
Besonders einfach ist das mit der u.g. Knoppix Live-CD, dies ist eine debian-basierte Demo-CD/Distribution, die auch dem absoluten Einsteiger den Funktionsumfang von KDE 3.0 nahebringt, ohne dass daf�r irgendwelche Ressourcen belegt oder vorhandene Syteme beeinträchtigt werden - auf Wunsch lässt es sich nachträglich auch auf Festplatte installieren.

Links zu KDE/Linux:

... Linux is like a wigwam - no gates, no windows, apache inside...